18/05/2021
BZ 18. Mai 2021
Bei Bauarbeiten im Oberrotweiler Weingut Freiherr von Gleichenstein sind alte Weine der Sorten Riesling, Weißherbst und Silvaner aufgetaucht. Zum Vorschein kam auch eine Flaschenpost mit Nachricht.
Das Weingut Freiherr von Gleichenstein in Oberrotweil baut derzeit seinen Weißweinkeller aus. Das Fassungsvermögen soll um 140.000 Liter erhöht werden. Bei den Bauarbeiten sind alte Weinflaschen und eine Flaschenpost aus dem Jahr 1974 ans Tageslicht gekommen.
Das Weingut von Gleichenstein bewirtschaftet derzeit rund 45 Hektar Weinberge auf den Gemarkungen Oberrotweil, Bickensohl und Ihringen. Die Jahresproduktion liegt bei rund 250.000 Flaschen. Mit der Zeit ist der Weißweinkeller, in dem rund 300.000 Liter Platz haben, zu klein geworden. "Wir waren bislang gezwungen, zur neuen Ernte im Herbst alle Weißweine zu füllen. Wir wollen aber auch die Gutsweine länger im Fass liegen lassen und auch nicht unter Zeitdruck stehen", sagt Johannes von Gleichenstein.
Deshalb hat er sich zusammen mit seiner Frau Christina entschlossen, das Fassungsvermögen des Weißweinkellers um 140.000 auf 440.000 Liter zu erhöhen. "So können wir auch den höherwertigen Weinen mehr Zeit geben, im Edelstahltank zu reifen", sagt Johannes von Gleichenstein. Außerdem habe das größte Fass bislang gerade einmal Platz für 10.000 Liter geboten. In dem neuen Kellerraum würden jetzt zwei Tanks mit 26.000 und sechs mit jeweils 16.000 Liter aufgestellt.
Das neue Fassungsvermögen des Weißweinkellers sei auf jeden Fall für die nächsten Jahre ausreichend, sagt der Winzer, denn er plane nicht, noch weiter zu wachsen. 40 bis 50 Hektar Rebfläche könne man als Weingut gerade noch bewirtschaften. Was Gleichenstein aber immer wieder versucht, ist Grundstücke zu tauschen, um zum Beispiel unnötig lange Fahrzeiten einzusparen. Dabei bedauert er, dass die Bereitschaft dazu am Kaiserstuhl immer noch eher gering sei. Dabei könne ein Flächentausch für beide Seiten Vorteile bringen.
Dass die Bauarbeiten für die Erweiterung des Weißweinkellers nicht ganz einfach werden, war den Verantwortlichen von vorneherein klar. Denn sie hatten es mit einer historischen Bausubstanz zu tun. "Das ist ein spannendes und herausforderndes Projekt", sagt Johannes von Gleichenstein. Groß war die Überraschung, als bei den Ausbauarbeiten 36 Weinflaschen der Jahrgänge 1970, 1971 und 1972 der Sorten Riesling, Weißherbst und Silvaner zum Vorschein kamen. "Sie wurden wohl versteckt, als damals ein Gang zwischen zwei Kellerräumen gebaut wurde", vermutet der Winzer.
Man habe nicht gewusst, was unter der alten Bodenplatte liegt, die für den neuen Kellerraum entfernt werden musste. 80 Prozent waren Lösserde, aber es kamen auch zwei alte Betonsilos zum Vorschein, in denen früher wohl Getreide gelagert worden war.
Besonders groß war das Erstaunen, als eine Flaschenpost aus dem Jahr 1974 auftauchte, eine Zeit, in der noch der Vater von Johannes von Gleichenstein das Weingut führte. Auf dem Zettel stand: "Der Wein wurde beim Erbauen des Tunnels am 14. Februar 1974 eingegraben. Sollte der Wein gefunden werden, so bitten die Erbauer um Nachricht." Unterschrieben ist das Schriftstück von Gerhard Kiefer und Erwin Kalser aus Oberrotweil sowie Roland Fischer aus Amoltern.
"Von der Flaschenpost wussten wir nichts. Dass vielleicht einige alte Weinflaschen auftauchen werden, haben wir geahnt", sagt Johannes von Gleichenstein. Wenn die Kellererweiterung Mitte Juni fertig ist, will der Winzer zwei der alten Tropfen öffnen.
Investiert hat das Weingut insgesamt rund 250.000 Euro in das Projekt. Der neue Raum, der unter dem Flaschenlager liegt, ist rund 100 Quadratmeter groß und bietet der Kellermannschaft jetzt auch kürzere Wege. Bei dem Kellerteam hat es übrigens zum 1. April einen Wechsel gegeben. Der erste Kellermeister Odin Bauer (54), der 22 Jahre bei Gleichenstein arbeitete, wollte sich noch einmal verändern und hat das Weingut verlassen. Sein Nachfolger ist Johannes Köster, der bisher bei der Winzergenossenschaft Königschaffhausen-Kiechlinsbergen tätig war. Der 38-Jährige hat nach der Ausbildung zum Weinküfer im Badischen Winzerkeller in Breisach die Meisterschule in Weinsberg besucht. Nach Anstellungen im Weingut Franz Xaver in Buchholz und bei der Winzergenossenschaft Königschaffhausen-Kiechlinsbergen hat er sich für die Stelle in Oberrotweil beworben. "Erster Kellermeister bei einem Weingut dieser Größe zu sein, ist eine reizvolle Aufgabe", betont er.
Jeder Wein soll nach seinen Vorstellungen Spaß und Lust auf das nächste Glas machen. Bei den Gutsweinen des Jahrgangs 2020 hofft er, dass seine Handschrift schon zu erkennen sein wird. Unterstützt wird Köster im Keller von Küfer Andreas Treffeisen sowie während der Ernte von weiteren Helfern. Johannes von Gleichenstein will den neuen Kellermeister langfristig an den Betrieb binden. "Und auch ich will hier lange bleiben", betont Köster abschließend.