04/06/2020
Hallo Freunde der Schandgeige
Ich muss mich mal kurz auskotzen.
Jetzt ist es raus, das Konjunkturpaket. USt. - Senkung ab 01.07.2020 bis 31.12.2020 um die Wirtschaft anzukurbeln. Regelsatz 16%, reduzierter Satz 5%. Für Gastro also ab 01.07. 5% auf Speisen, 16% auf Getränke. Der Konsum soll gefördert werden. Händler, Gastronomen sollen die günstigere Umsatzsteuer an den Verbraucher weiter geben, damit dieser bereitwilliger Geld ausgibt.
Wer sich das ausgedacht hat, der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.
Ich kann jetzt nur von uns Wirten sprechen. Ich habe seit Wiedereröffnung einen Minus von 65% zum Vorjahr. Von den Monaten mit 0,00 Euro Umsatz rede ich nicht. Da sind bei mir in 10 Wochen 100.000,00 Euro Umsatz mittlerweile den Bach runter. Das sind übrigens auch ca. 13.000,00 Euro Umsatzsteuer und ca. 15.000,00 Euro Lohnsteuer und Sozialabgaben, die dem Staat fehlen. Und das trotz, bzw. dank der tollen Unterstützung durch unsere Stammgäste, die alles dafür tuen, dass es irgendwie weiter geht. Ohne Euch wäre das noch viel dramatischer.
Ich kann es mir schlicht nicht leisten, die Umsatzsteuersenkung weiter zu geben. Ich bin froh wenn ich die Preise vor der Krise halten kann. Und ich denke das es auch den meisten Einzelhändlern und Dienstleistern so geht.
Aber anstatt sich als Politik hinzustellen, und zu sagen, wir machen das für das Gewerbe, damit die sich wieder erholen können, schieben sie uns den schwarzen Peter zu. Bravo.
Ohne Euch, ohne Euer zureden, die vielen lieben Worte und der Unterstützung durch Bestellungen und Tischreservierungen würde ich nicht weiter machen. Ich hätte bereits den Schlüssel abgeben. Es gibt leider keine wirkliche Perspektive.
Es ist kaum zu machen. Wenn nicht bald Lockerungen wie in Hessen kommen, ist es nicht mehr lange darstellbar. Auf das Monat hochgerechnet reduziere ich meine Verluste Momentan um ca. 1000,00 Euro im Monat. D. h. ich mache trotzdem noch 7000,00 Euro Minus im Monat. Ohne Öffnung wären es 8000,00 Euro (alles ca. Zahlen). Das funktioniert auch nur dank KUG (das ich aber noch nicht erhalten habe, da warte ich jetzt auf 24.000 Euro) und einer exakten Personalplanung. Da ist mein Lebensunterhalt, Versicherung, Miete usw. noch nicht mit eingerechnet. Im Prinzip brauch ich täglich 300,00 Euro aus den Rücklagen. Im Prinzip ist das, da braucht man kein BWL studiert haben, nicht lange darstellbar. Meine Rücklagen reichen sicher noch ein wenig. Aber ich bin seit 13 Jahren Selbständig. Meine Rücklagen waren eigentlich für meine Altersversorgung gedacht. Die schmelzen gerade wie Eis in der Sonne. Dafür arbeite ich 50 Stunden in der Woche. Das ist im Prinzip Selbstausbeutung. Solange am Ende ein Gewinn steht, und man weiß für was man es tut.... aber nun. Wenn ich zusperr und irgendwo Klos putze bleibt mir sicher mehr. Selbst, bzw. vor allem wenn ich insolvent wäre.
Ich habe für mich beschlossen, ich schau mir das bis Ende August an. Und wenn dann nicht der Punkt erreicht ist, wo ich zumindest mit einer schwarzen Null dastehe, d.h. keine weiteren Verluste mehr produziere, muss ich die Reißleine ziehen. Keiner weiß, ob das Weihnachtsgeschäft läuft oder nicht, und ohne diese Planungssicherheit ist es russisches Roulette weiter zu machen. Sollte es so kommen, werde ich versuchen jemanden zu finden, der dumm und mutig genug ist, mit frischem Geld den Laden zu übernehmen. Denn tatsächlich ist es ein Juwel in der Münchner Gastroszene. Und unter normalen Umständen ein Betrieb, der es einem Erlaubt vernünftig davon zu leben. Wenn jemand mit 90.000,00 Euro einsteigt kann er das Problem aussitzen und ab der zweiten Jahreshälfte 2021 ein gutes Geschäft machen.
Sorry, dass ich mich gerade so auskotze. Aber wenn ich die ganzen Kommentare unter Beiträgen zum Thema Gastro lese, habe ich echt keine Hoffnung, dass wir das in absehbarer Zeit wieder in den Griff bekommen. Und wenn ich mit Kollegen spreche höre ich durch die Bank das selbe. Pure Katastrophe. Nur frisches Geld kann helfen, und da auch nur Eigenkapital. Und die Eigenkapitalrendite ist, wenn sich das wieder normalisiert um längen besser als bei jeder Bank.
Jetzt habt ihr einen Einblick in mein Seelenleben bekommen. Sicher nicht sehr professionell, aber sehr ehrlich.
Wir sehen uns hoffentlich in der Geige,
bleibt gesund
Alex