16/06/2023
Mega
Unser Lied „Irgendwann“ haben wir für Hannes geschrieben. Er wurde im Februar 2018, nach einer alltäglichen Pöbelei in der Straßenbahn, erstochen. In den Medien wurde darüber berichtet.
Im März rief mich dann ein Freund an: „Monchi, hast du das mit dem Hansa-Fan mitbekommen, der erstochen wurde? Schau mal auf seine Facebook-Seite! Er war wohl auch riesiger Feine Sahne-Fan.“
Am gleichen Abend spielten wir in Dortmund und widmeten ihm auf der Bühne das Lied „Ostrava“. Kurz danach meldete sich sein Papa bei mir, dass Hannes sich darüber sehr gefreut hätte. Die Mutter schrieb, dass er neben einer Hansa-Collage auch ein Feine Sahne-Poster hängen hatte und dass er unsere Mucke unter der Dusche hörte. Das Schreiben mit den Eltern war intensiv. Obwohl ich Hannes nie persönlich kennengelernt habe, fühlte ich mich ihm irgendwie verbunden. Er war 20, ist ständig zu Hansa und auf Konzerte gefahren, hatte Geschwister und scheinbar tolle Eltern.
Ein paar Wochen später stand ich in einer vollen Kirche. Die Eltern meinten, dass Hannes sich darüber sicher freuen würde. Seine Familie, seine Freunde, sein Umfeld – Alle waren da. An der Urne hing ein Hansa-Schal und Karten für unser Konzert in Berlin, die er sich schon gekauft hatte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Als beim letzten Geleit aus der Kirche dann auch noch unser Lied „Wir haben immer noch Uns“ gespielt wurde, liefen bei mir die Tränen. Noch nie habe ich für einen „Fremden“ so viel geweint. Noch nie habe ich mich einem eigentlich völlig fremden Menschen so nah gefühlt.
Als ich am Grab ins Kondolenzbuch schrieb, kamen plötzlich die Eltern auf mich zu und wir umarmten uns, obwohl wir uns nicht kannten. Es war krass.
Ein paar Tage später schrieben wir miteinander und sein Papa meinte, wie toll es doch wäre, wenn wir ein Lied für Hannes schreiben könnten. 2018 konnte Ich mir das nicht vorstellen. Wirkt das nicht schäbig? Ist das richtig? Ich vertröstete den Papa immer oder sagte, dass das eher nichts wird. Texte schreiben funktioniert nicht auf Ansage. Jedenfalls nicht bei mir. Irgendwann war das Lied überhaupt kein Thema mehr. Kontakt hielten wir aber immer noch. Ein paar Mal besuchten Hannes Eltern unsere Konzerte, 2019 sogar das Wasted in Jarmen.
Am 3.3.2023, fast genau 5 Jahre nach Hannes Tod, traf Ich mich mit seinen Eltern in Rostock am Matrosendenkmal. Wir gingen essen, redeten über Gott und die Welt. Irgendwann sagte ich Ihnen, dass ich ihnen etwas vorspielen will. Wir haben ein Lied für Hannes geschrieben. Ich war so krass aufgeregt. Wie finden sie es? Ist es zu doll? Finden sie die Zeilen scheiße? Wenn ja, dann nehmen wir es nicht auf unsere Platte.
Das Lied ist auf unserem neuen Album. Wir spielen es live. Die Beiden haben sich sehr darüber gefreut. Sie meinten, dass Hannes es lieben würde. Auf den Konzerten kamen immer wieder Leute zu uns und meinten, dass sie auch sofort an eigene Geschichten denken mussten, von Leuten, die viel zu früh gegangen sind. Das ist wohl das Beste, was ein Lied so machen kann.
In diesem Sinne,
Auf Hannes. Auf seine Eltern. Auf seine Familie. Auf das Leben.
Irgendwann lern wir uns richtig kennen, lass uns zusammen unsere Zeit verschwenden. Irgendwann lern wir uns richtig kenn, was immer da auch wartet, Bengalos werden brenn!
In Absprache mit seinen Eltern haben wir dieses Foto ausgewählt. Es war das letzte Bild, was Er auf seiner Facebook-Seite hatte.