31/03/2026
To be Poker or Not to be Poker
Oder Brettspiele-AG 5️⃣/🔟.
Poker… Die ganze Woche hat mich diese Frage gequält. Wobei es nicht einen einzigen Menschen in meinem Spieleuniversum gab, der Einwände hatte. Pädagogen. Nichtpädagogen. Familie. Freunde. Ach ja… u natürlich auch die, die sich für Pädagogen hielten.
Alle haben sie mich bekräftigt. U doch klammerte sich dieses kleine, hartnäckige Unwohlsein an mich – weil es nie um das Spiel ging, sondern um das, was mitschwingt.
Eine ganze Woche lang also hing die Frage im Raum wie ein unausgesprochener Pakt. Poker oder kein Poker.
Sein oder Nichtsein.
Soll ich oder soll ich lieber nicht.
Ich stelle auch immer wieder meine Gedankenmuster in Frage. „Was“ möchte ich vermitteln, u vor allem, wie möchte ich „was“ vermitteln.
Aber Geschichte schreibt man nur, wenn man „Ja“ sagt.
Also:
Es wurde gespielt.
U wie. Ich fress’ meinen imaginären Hut. Heidewitzka.
Die Chips klacken nicht einfach.
Sie sprechen. Leise. Selbstbewusst.
So, als hätten sie schon immer gewusst, dass sie heute gebraucht werden.
Bet. Raise. All in. Mach ich nicht mit. Fold.
Fünf Jungs am Tisch. So konzentriert, dass man kurz überlegen musste, ob man Eintritt verlangt. Als wollten sie mir beweisen, wie kultiviert testosterongesteuerte Teenager „Poker Texas Hold’em“ spielen können. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn sie Whiskey on the Rocks bestellt u ’ne Havanna hätten anzünden wollen.
Diese Art von Ruhe also, die man sonst nur kennt, wenn etwas plötzlich ernst wird. Ehrlich gesagt wurde es auch nicht „plötzlich“ ernst. Sie war schon ernst, als die ersten Handkarten gedealt wurden.
Eine Pokerstunde später.
Der Moment, der hängen bleibt.
„Ey, lasst uns weiterspielen.🤗“
„U der Bus?🙀“
„Wir haben ihn einfach verpasst.😜“
Fünf Köpfe gleichzeitig runter.
Fünf Hände gleichzeitig ans Handy.
Fünf Nachrichten gleichzeitig raus.
„Ich hab den Bus verpasst. Komme mit dem nächsten.“
U keiner steht auf. Nicht einer.
Sie spielen weiter.
Ich lehne mich zurück u denke mir: Ja. Genau das.
Ich meine nicht, dass sie schon vor dem Busverpsssen gewusst haben, dass sie den Bus verpassen. Sondern wie eine Handvoll Chips u ein kleines Kartenspiel, ohne großes Aufsehen, ohne Geschrei, ein leises, kollektives Bedürfnis nach mehr von dem, was gerade ist, auslösen konnte.
Meine Bedenken saßen nervös mit am Tisch. U gingen wortlos.
U während die Chips noch nachklingen, schleicht schon ein anderes Geräusch durch die Luft. Katapulte. Nicht leise. Nicht kalkuliert. Sondern laut, direkt, ungestüm.
Katapult Fehde.
Zwei Spieler bauen ihre Burgen an den Tischkanten, platzieren Figuren u feuern mit Katapulten auf die gegnerische Festung. Gummi-Geschosse fliegen, Burggestein kracht, Figuren kippen um. Jeder Wurf ein kleines Drama, jede Explosion ein Triumph oder ein Aufstöhnen.
Und die Kids? Sie leben das. Augen leuchten, Hände zittern, Lachen springt von einem Ende des Raums zum anderen. Es ist Chaos, ja, aber ein gelebtes Chaos. Ein Rhythmus, zusammengesetzt aus Gelächter, Zerstörungslust u Konzentration.
Noch ein Katapultwurf. Perfekt durch die Mitte. Die gegnerische Burg wackelt, fällt, Figuren purzeln. Ein kollektives „Oooh!“, gefolgt von einem Grinsen, das keine Worte braucht.
Währenddessen explodiert der Rest des Raumes.
King of Tokyo… Würfel rollen, Monster schreien, Karten fliegen. Allianzen brechen, wachsen, verschwinden. Der amtierende Tokyo-Champ blickt lethargisch, die Flügel gestutzt, während der neue Hüter des King-Throns triumphiert, als hätte er gerade ein imperiales Reich errichtet.
Aber weißt Du was verrückt ist?
Ein Rottationssytem, das sich keiner Ausgedacht hat.
U trotzdem läuft es besser als jeder Plan. So gut, dass möglicherweise nur die italienische Damen Volleyball Nationalmannschaft mit meinen Kids aufnehmen könnte.
Raus aus Tokyo.
Zack – Katapult.
Raus aus Agent Avenue.
Zack – Katapult.
Kein Leerlauf. Keine Langeweile.
Ich trete zurück, lehne mich an die kühle Wand. U sehe „meine“ Kids.
Sechs bei King of Tokyo.
Fünf beim Poker.
Zwei bei Agent Avenue.
Vier katapultieren sich abwechselnd durchs Klassenzimmer.
Siebzehn.
Ich zähl nochmal.
Siebzehn.
Rekord. Nicht meiner. Ihrer.
Und irgendwo an der Wand stehe ich, das Gewicht von Dankbarkeit u Melancholie auf den Schultern. Nicht schwer. Eher… voll.
Ich könnte sie alle umarmen.
Die Kids. Den Raum. Die ganze verdammte Welt.
Mach ich nicht. Ich lehne einfach da. U schau zu.
Weißt du, wie „meine Kids“ heute gegangen sind? Sie verabschiedeten sich. Leise. Ehrlich. Fast schon familiär. Augen, die sagen: Wir haben es gespürt. Wir waren da.
Ich knipse das Licht aus.
„Bis nächste Woche, Klassenzimmer“, denke ich.
„Bis Dienstag“, flüstern die Bänke mir nach.