02/01/2024
DANK ZAUBEREI ZUM GOSLARER SIEMENSHAUS
„Es braucht schon ein Wunder, dass alles wieder gut wird!“, fluchte Hans Siemens, dessen Erbe vom Großvater gerade drohte, die Gose runterzuschwämmen. Das Wohnhaus war über die Jahre baufällig geworden, es gammelte an allen Ecken und es mangelte am schnöden Mammon, es wieder in Schuss zu setzen. Die Brauerei war gerade abgebrannt und der Ölmühle die Leute weggelaufen … irgendwie war der Wurm drin und es wollte und wollte nicht wieder aufwärts gehen. „Vielleicht hilft ja Zauberei?“, meinte Anna, seine Schwester, was Hans nur müde belächelte. „Probier’s doch wenigstens. Ich habe gehört, ein Zauberer sei in Goslar eingekehrt und könne Menschen zu Geld bringen und sogar gesund hexen!“
Was blieb Hans übrig, als wenigstens nach diesem Strohhalm zu greifen?! So stand er vor dem Zelt des Magiers, das mit bunten Bildern bemalt und seltsamen Schriftzeichen, die aus aller Welt zu kommen schienen, beschrieben war. Vorsichtig trat er ein und hörte, ohne dass er sich vorgestellt hatte: „Ah, Hans, bist du doch gekommen, nachdem du dich drei Tage gewunden hast?“ – Verdutzt sah der junge Mann den lächelnden Magier an und fragte: „Woher kennen sie meinen Namen?“ – „Ist das wirklich die Frage, weshalb du hergekommen bist? Willst du nicht lieber wissen, wie du dein Schiff wenden, frische Segel setzen und es neu in den Wind bringen kannst?“ – „Woher? Wie …? Äh, was …? Ich meine, doch! Eigentlich ist es genau das, was ich wissen möchte!“, gab Hans kleinlaut zu, wobei er nachdenklich zu Boden sah.
„Es ist die rechte Zeit – die der Raunächte“, sagte der Zauberer. „Und auch ist’s der rechte Ort … nur deine Gedanken, die sind nicht am rechten Fleck. Lausche und verstehe: Du erschaffst, was du denkst – Abrakadrabra – gerade jetzt in den Tagen, in denen das Jahresrad stillsteht. Es ist die Zeit, in der du nicht arbeiten, sondern still werden sollst, um zuzuhören, was dir die Götter raunen. Es ist die Zeit – die Bäume machen’s vor – das alte Laub mitsamt den verstaubten Ideen und Erwartungen fallenzulassen; die Zeit, dich auf die Wurzeln zu besinnen und neue Kraft aus Visionen zu schöpfen. Es ist auch die Zeit des Rausches. Wann hast du dich zuletzt dem Trank und der Freude, dem Gesang und der Geselligkeit hingegeben? Tanze all den Ku**er aus dir heraus, schüttle dich aus, dass du frei wirst, für den neuen Zauber, der uns alle mit jedem neugeborenen Tag umgeben könnte. Wenn du ganz leer bist, dann entzünde ein Licht und schaue in die Flamme. Du wirst darin sehen, was für dich bestimmt ist, wer du bist, sieh nur hinein, lausche in dein Innerstes. Abrakadabra, jetzt werden Wunder wahr; und, was du fühlst, das ist schon da; und, was du denkst, erschaffst du klar – Abrakadabra!“ – Und wie der Zauberer in seine Hände klatschte, da fielen Hans die Schleier von den Augen. Er bedankte sich und gab dem Zauberer seine letzte Münze und lief und lief, nicht nach Hause, nein, er lief sich leer.
Wie er so leer und glücklich erschöpft nach Hause kam und zu Bette ging, da träumte er einen Raunachtstraum und der, das wusste er, der wird wahr. So ließ Hans alle Sorgen und Zweifel ziehen, erträumte sich in jenen Tagen, was er zuvor sich niemals zu denken wagte. – Was er aber auch dachte, es wurde wirklich alles wahr: er wurde ein bedeutender Kaufmann, zugleich Achtmann von Goslar und Stadthauptmann obendrein. In den Jahren 1692 und 1693 erdachte und erschuf er auf dem Eckgrundstück Schreiber- & Bergstraße das größte Privathaus Goslars im Barockstil, das Siemenshaus, das bis heute Teil der Siemens Familienstiftung ist. Wer Hans Siemens auch fragte, wie er es vollbrachte, aus blanker Not eine der wohlhabendsten deutschen Kaufmannsfamilien erwachsen zu lassen, dem sagte er bloß: „Das Schicksal hat gemacht, was ich erdacht – das ist Zauberei, die Kraft des Abrakadabra!“
(einem Stadtführer abgelauscht & aufgeschrieben von Carsten Kiehne in "SAGENHAFTES GOSLAR")