11/09/2026
HIRTEN
- tgl. bei uns in der Harmonie
Der persönliche Filmtipp von Dimitrios Charistes (Programmkurator für Filmreihen, Events & Festivals)
Es muss nicht immer ein spektakulärer Plot sein, der großes Kino bewirken kann. Manchmal ist es eine alltägliche Geschichte, die einen ganz leise an der eigenen Lebensführung rütteln lässt. Genau das gelingt dem Drama HIRTEN der kanadischen Filmemacherin Sophie Deraspe. Im Mittelpunkt steht Mathyas, ein junger Werbetexter aus Montréal, der nach einem stressbedingten Zusammenbruch sein bisheriges Leben hinter sich lässt.
Statt Deadlines und Werbeslogans sucht er in der französischen Provence einen radikalen Neuanfang. Fortan beschließt er Schäfer zu werden. Was zunächst wie die eskapistische, perfekte Flucht aus der modernen Arbeitswelt klingt, erweist sich allerdings als alles andere als romantisch: Wölfe, Unwetter, harte Arbeit und die Skepsis der erfahrenen Bauern machen den Anfang schwer. Unterstützung erhält er von Élise, die ebenfalls ihren Bürojob aufgegeben hat. Zusammen übernehmen sie schließlich einen Sommer lang die Verantwortung für eine große Schafsherde in den Provenzalischen Alpen.
Was mich an HIRTEN besonders berührt, ist, dass der Film den Traum vom einfachen, naturnahen Leben weder verklärt noch lächerlich macht. Er zeigt vielmehr, wie anstrengend der Wunsch nach gelebter Freiheit doch sein kann. Der Film basiert auf dem autobiografischen Roman von Mathyas Lefebure und wurde beim Toronto International Film Festival 2024 als bester kanadischer Film ausgezeichnet. Eine zeitgemäße Botschaft des Films möchte ich vorab aber schon mit Ihnen teilen:
Wir müssen nicht gleich alle unsere Jobs kündigen und Schafe hüten – aber wir sollten uns fragen, welches Leben eigentlich zu uns passt. HIRTEN ist ein ruhiger, poetischer und zugleich erstaunlich bodenständiger Film für alle, die sich schon einmal gefragt haben: War das jetzt wirklich alles – oder geht da was?