09/09/2020
Bitte lesen
Liebe Oberbürgermeisterin, Mitglieder der IG Kölner Gastro, Kölner/Innen, Mitarbeiter/Innen der Stadt Köln, Politiker/Innen der verschiedensten Ebenen und liebe Presse,
wir möchten uns mit ein paar deutlichen und ehrlichen Worten an euch wenden und bitten darum sich ein wenig Zeit dafür zu nehmen.
Am gestrigen Dienstag haben wir einen drastischen Post verfasst, den wir gelöscht haben, von dessen Inhalt wir uns aber nicht distanzieren. Die Zusammenarbeit mit vielen Ämtern der Stadt Köln ist vorsichtig ausgedrückt schwierig und für uns in manchen Teilen nicht mehr akzeptabel. Im speziellen gestrigen Fall aber haben wir die neu eingerichtete Stabstelle Gastro scharf angegriffen, ohne in dem Moment zu wissen, dass uns am Vorabend eine nette Mail mit einer Einladung zum Gespräch erreicht hat. Deswegen war der konkrete Angriff von unserer Seite falsch und wir haben den Text zurückgezogen. An entsprechender Stelle haben wir uns dafür entschuldigt.
ABER - das ändert überhaupt nichts an der dramatischen Situation im gesamten Kölner Gastgewerbe. Die aktuellen Zahlen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes zeigen die ganze Misere extrem deutlich. 6 von 10 Gastwirten bangen um die blanke Existenz, am Ende des Jahres rechnet die Branche mit einem Minus von 50%. Das sind Zahlen mit denen gesamte andere Branchen direkt einpacken würden. Zum Vergleich: Die stark gebeutelte Autoindustrie beendet das Jahr aller Voraussicht nach mit einem Minus von 10% - kann aber komplett anders in die Planung der kommenden Monate und Jahre gehen und kann sich auch auf eine unbürokratische finanzielle Absicherung durch den Staat verlassen.
Nicht nur deshalb werden wir in Köln weiter für die Gastronomie kämpfen. Wir werden laut sein, wir werden deutlich auf Missstände in manchen Ämtern hinweisen, wir werden uns politische Unterstützung holen, wir werden Netzwerke aufbauen und wir werden sehr sicher anecken und unbequem sein. Wer denkt, dass das in Köln auch nur im Ansatz alles einfach wäre, der täuscht sich massiv. Wir sind in den letzten 6 Monaten seit der Gründung teils harsch angegangen worden, es gab „Drohungen“ seitens Behörden und Politik, es gab Presse die auch mal gegen uns geschossen hat und es gibt Mitglieder/Innen die manche Unzufriedenheit merkwürdig äußern. Die Interessenlagen in dieser Stadt sind sehr divers, nicht jede/r gönnt dem Anderen etwas und für gegebene Hilfe wird gerne auch die Hilfe in die andere Richtung verlangt. Eine Hand wäscht die Andere. Das merken wir bereits nach 6 Monaten, wie das bei jahrelang gewachsenen Strukturen aussieht können wir nur erahnen.
Wir vertreten kleine Cafés, große Brauhäuser, Tapas-Buden, Szene-Bars, Eckkneipen, Eisdielen oder alternative Kaschemmen. Ein bunter Mix aus 300 Gastronomien mit verschiedensten Anliegen, Wünschen und Forderungen. Das ist überhaupt nicht einfach, das ist manchmal fordernd, stressig oder zum Haare raufen. Manchmal ist es auch unter der Gürtellinie und wir sind erschüttert, wie wenig manche Menschen selber hinbekommen, die sich immerhin selbständig gemacht haben.
Aber am Ende ist die Gastronomie DER Puls unserer Gesellschaft, ein sehr ehrliches Geschäft mit viel Liebe und Herzblut für alle Schichten der Gesellschaft. In der Gastronomie ist jeder Mensch Willkommen und jedem Menschen würde ohne Gastronomie viel im Leben fehlen. Einer der wesentlichen Gründe warum es so wichtig ist dass wir sehr viel ernster genommen werden. Wir sind Systemrelevant für Gesellschaft, Wirtschaft UND für die Seele.
An die Verwaltung der Stadt Köln und speziell an das Ordnungsamt möchten wir deutliche Worte richten: Im Amt für Gaststättenangelegenheiten gibt es sehr nette und bemühte Mitarbeiter/Innen und auch mit dem Außendienst klappt das manchmal recht gut. Aber machen wir uns doch alle nichts vor, wir haben uns vornehmlich gegründet weil der Zustand zwischen den Gastronomen/Innen und den zuständigen Ämtern einfach oftmals nicht mehr tragbar ist.
-täglich sind Gastronomen/Innen einer behördlichen Willkür ausgesetzt. Das hat sich durch Corona nicht erledigt, das hat sich verschärft.
-der in großen Teilen neu eingesetzte Außendienst vom Ordnungsamt ist schlecht ausgebildet und manchmal kaum eingearbeitet. Viele Gastronomen/Innen kennen die Regeln besser als die Ordnungskräfte vor Ort. Uns liegt Datenmaterial vor, wo Mitarbeiter/Innen sehr deutlich die Kompetenz überschätzen. Bis hin zu körperlichen Übergriffen.
-das Ordnungsamt hat keine Dezernatsleitung. Im Moment wird es vom Bereich „Verkehr“ mitgeleitet. Der zuständige Stadtdirektor Keller führt in Düsseldorf Wahlkampf und möchte dort Oberbürgermeister werden. Sollte er verlieren, dann kommt er im Oktober zurück nach Köln. Aber nur dann.
-das Amt ist massiv unterbesetzt. Termine gibt es nur nach telefonischer Anmeldung, manchmal erreicht man über Wochen aber niemand im Amt. Es ist absolut unmöglich so zu arbeiten als Gastronom. Wenn die Gastronomie für Ihre Gäste so erreichbar wäre wie das Ordnungsamt für uns Gastronomie, wir könnten alle Lokale dicht machen.
Die Kölner Gastronomie steht vor einem Winter der uns allen die grösste mögliche Sorge bereitet. Manche von uns haben die Läden schon dicht gemacht, manche verschleppen einfach nur noch ihre Insolvenz und wiederum andere hoffen auf irgendein Wunder. Fakt ist es wird diesen Winter keinen Impfstoff geben und fast alle werden keine überlebensfähigen Umsätze generieren können. Für viele Menschen da draußen ist das sehr schwer zu verstehen, aber ohne die normale Kapazität an Sitzplätzen, ohne ein Weihnachtsgeschäft, ohne Karneval, ohne Touristen, ohne Veranstaltungen oder Silvesterfeiern, wird das ein Winter den viele wirtschaftlich einfach nicht überleben können.
Wir bitten die Stadt Köln, in dieser schwierigsten Phase der Gastronomie, uns keine Steine in den Weg zu legen und partnerschaftlich auf Augenhöhe zu agieren. Die Gastronomie in dieser Stadt hat das nicht nur einfach verdient, wir haben über Jahre viele Kröten geschluckt, wir haben still gehalten und für unsere Heimatstadt trotzdem immer das Beste gegeben. Jetzt bist Du dran Köln, gib uns etwas zurück, damit wir in den kommenden Jahren auch weiterhin für dich da sein können. Köln ohne diese Ausgehkultur, ohne seine Kneipen, Bars, Clubs und Restaurants, wäre nicht mehr das Köln was wir alle kennen und lieben. Es wäre ein Köln mit weniger Freude und es wäre ein Köln als das man uns in der Welt nicht sehen mag.
Konkret und in einem Satz fordern wir von der Stadt Köln: Behandelt uns fair, seht uns als einen der wichtigsten Wirtschaftszweige an und leistet uns an jeder möglichen Ecke Hilfestellung. Keine Steine mehr im Weg. So viel ist das eigentlich garnicht verlangt.
Teilen erwünscht - denn nur gemeinsam sind wir stark.
Der Vorstand der IG Kölner Gastro
Miki Staffel - die Eisdielerin
Roman Berk - Bootsmann, The Cage
Philipp Treudt - Scheues Reh, Schnörres
Ulrich Vogt - Gaststätte Umleitung
Maike Block - Die Fette Kuh
Daniel Rabe - Bagatelle, Brasserie aller Kolör
Martin Schlüter - Reissdorf am Hahnentor
Guido Bungart - Wohngemeinschaft, Ehrenfeld Hopping
Till Riekenbrauk - Brauhaus Johann Schäfer, StreetFoodFestival
PS:
An diesem Tag möchten wir es nicht versäumen solidarische Grüße nach Berlin zu senden. Dort demonstriert heute die gesamte Veranstaltungswirtschaft, mit der wir eng verwoben sind und die es noch drastischer getroffen hat.