13/04/2025
Es fällt wohl keinem leicht so einen Text zu verfassen, denn man denkt sich oft, in linken Räumen passiert sowas nicht und wenn, dann nicht bei uns.
Vor rund neun Monaten wurde uns von übergriffigem Verhalten eines unserer Mitglieder in der Zukunft berichtet. Dies lief zuerst über einzelne Personen, die wiederum dann als Umfeldgruppe der betroffenen Person versucht haben, die “übergriffige Person” zu einem Gespräch einzuladen. Es kam zu einem ersten Kontakt, wobei sich die Anfragen zunächst aus verschiedenen Gründen schwierig gestalteten. Später wurde dies dann in unserem Plenum vorgetragen.
Dies haben wir ernst genommen, erbaten aber um genauere Angaben, um das für uns einordnen zu können. Wir einigten uns darauf, dass Personen aus dem betroffenen Umfeld, die “übergriffige Person” sowie eine vertraute Person dieser, sich zusammensetzen. Bis dieses Gespräch stattfinden könnte, beschlossen wir einstimmig, dass die Person vorerst nicht an Veranstaltungen teilnimmt und wir über ein weiteres Vorgehen zu einem späteren Zeitpunkt abstimmen. Bei dem Treffen wurden die Situationen geschildert und dem Beschuldigten näher erklärt, damit sie auch von ihm eingeordnet werden können. Unser Vereinsmitglied hat im ersten Moment die vorgetragenen Vorwürfe zwar abgewehrt bzw war sich den ausgelösten Emotionen die sein Verhalten verursacht haben nicht bewusst, war aber im weiteren Verlauf offener und es war ihm deutlich anzumerken, dass es in ihm arbeitete und er das ganze ernst nahm. Er gab an, an sich arbeiten zu wollen, daher haben wir an Strategien gearbeitet, wie wir weiter im Verein damit umgehen können. Dies sollte über Feedback, “Codewort” bzw. eine abgesprochene Geste passieren oder direktes Eingreifen/ansprechen, wenn wir etwas mitbekommen. Vor allem wünschte sich die Person, dass zeitnah mit ihr statt über sie gesprochen wird. Mit dieser Lösung sind wir in dem Moment auseinander gegangen und haben diese, samt Statement/Zusammenfassung der Strategien aus dem betroffenen Umfeld wieder zurück in unser Plenum getragen. Wir haben darüber abgestimmt, dass wir uns unter diesen Umständen eine Zusammenarbeit weiter vorstellen können und dazu gab es auch kein Veto von Mitgliedern, die an diesem Plenum nicht teilgenommen hatten. Zusätzlich, um die betroffene Person zu entlasten, haben wir die “übergriffige Person” darum gebeten, nach Möglichkeit Abstand zu halten und Situationen zu verlassen, in denen beide Anwesend sind.
Zur Begründung unserer Entscheidung möchten wir folgendes sagen:
Wir erkennen vollkommen an, wie sich die betroffene Person in den Situationen gefühlt hat und was dies auch bis heute mit ihr macht. Wir zweifeln diese subjektiven Wahrnehmungen nicht an, denn wir sind uns bewusst, dass Grenzen unterschiedlich sind und Überschreitungen dieser dementsprechend von jedem anders wahrgenommen werden. Genauso verhält es sich mit Worten, was vielleicht überhaupt nicht so gemeint war, kommt bei anderen eventuell anders an. Dafür muss man dringend sensibilisieren, gerade wenn diese Handlungen unterbewusst geschehen.
Wir sind der Meinung, dass gerade mit einsichtigen Menschen gearbeitet werden sollte und muss, sie sollten aufgeklärt werden und Anlaufpunkte haben, falls sie sich unsicher sind, in ihrem Verhalten. Wir glauben daran, dass in der Gesellschaft, so wie in unserem Umfeld, nur etwas durch Bildung und Sensibilisierung verändert werden kann. Ausschlüsse aus Strukturen oder öffentliches “outcallen” halten wir bei veränderbarem Verhalten als nicht zielführend. Wir sind uns bewusst, dass Menschen sonst nur woanders so weitermachen könnten, ohne dass aber irgendwas verändert wird und sie lernen sich mit ihren Fehlern und Verhalten auseinanderzusetzen. Repressionen dieser Art können nicht der einzige Weg sein, das funktioniert auch nicht auf staatlicher Ebene.
Wir haben uns dazu sehr viel mit Community Accountability und Transformativ Justice auseinandergesetzt, denn da werden genau die Fragen gestellt, die auch uns beschäftigen. Versucht, Wege für uns zu finden, wie wir unserer Aufgabe gerecht werden können. Wovon einige von uns zuvor nur gelesen haben, soll jetzt in die Tat umgesetzt werden. Nun sind wir alle keine Profis und werden dies wahrscheinlich auch nicht so schnell sein, für uns war aber klar, dass wir diese Aufgabe nur gemeinsam übernehmen können. In unseren Plenas tauschen wir uns seitdem regelmäßig aus, wenn wir fragwürdiges Verhalten anderer wahrnehmen, sprechen darüber, wie es auf andere wirkt und wie man prinzipiell anders damit umgeht. Zudem geben wir uns regelmäßig Feedback, wir beschlossen, in diesem ganzen Prozess nicht nur die beschuldigte Person einzubeziehen, sondern auch an uns selbst gemeinsam zu arbeiten. Wir sind keine homogene Masse, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, haben verschiedene Backgrounds und Meinungen, müssen uns dementsprechend auch gemeinsames Wissen und Positionen erarbeiten. Veränderungen, auch im kleinen Rahmen, finden nicht über Nacht statt, sie erfordern Geduld und vor allem, dass alle Beteiligten dran bleiben.
Die Zukunft hätte auch transparenter damit umgehen können, da wir uns aber auch immer noch in einem Entwicklungsprozess befinden dahingehend, sollten es nicht nur Lippenbekenntnisse sein. Gerade hausintern sollte sich dessen, nach den letzten Jahren, bewusst sein.
Wir sind mit unserem Verein Mieter im Kompott. Dieses hat nun am 16.03.2025 ein vollumfängliches Hausverbot für unser Mitglied ausgesprochen, ohne uns in diese Entscheidung mit einzubeziehen oder uns eine Chance zu geben, uns dazu zu äußern. Uns ist nicht erklärt worden, ob es weitere Vorfälle gab oder wie es zu dieser Entscheidung kam. Infolgedessen haben wir mehrfach um Aufklärung gebeten, sagten, dass wir ein Hausverbot auf den Flächen wie Hof, Wohnhäusern etc. verstehen könnten und unterstützen, aber nicht in unseren angemieteten Räumen. Für uns war klar, dass es Klärungsbedarf gibt und wir uns der Situation stellen müssen und uns ggf. von unserem Mitglied trennen müssen. Zudem wurde uns durch verschiedene Bewohner im Haus gespiegelt, dass auch sie über diesen Schritt verwundert sind. Leider ist es bis heute nicht zu einem Gespräch gekommen, stattdessen scheinen sich einige Bewohner jetzt für eine öffentliche Kampagne gegen unser Mitglied entschieden zu haben und werfen uns Täter schützende Strukturen vor. Trotz all dem wünschen wir uns als Team immer noch ein klärendes Gespräch.
Im Allgemeinen wäre es schön, wenn diese Situation dazu beitragen könnte, neue Denkanstöße zu geben und im Diskurs miteinander, auch außerhalb dieses Konflikts, Strategien zu finden.
Hier einige Texte mit Fragestellungen, die wir für unsere Auseinandersetzung mit uns selbst genutzt haben:
https://fda-ifa.org/wp-content/uploads/2014/12/Gaidao_48_screen.pdf Seite 5.
https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/04/Das-Risiko-wagen.pdf
https://transformharm.org/ca_resource/10-strategies-for-cultivating-community-accountability/
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1157890.definitionsmacht-das-halb-richtige-im-ganz-falschen.html