EmailWerk - Offenes Kulturhaus Seekirchen

EmailWerk - Offenes Kulturhaus Seekirchen Das Kulturhaus EmailWerk ist eine Veranstaltungs- und Produktionsstätte für zeitgenössische Kunst

Subtile Rebellion in einer lauten Welt. In seinem neunten Kabarettprogramm „Happy Place“ festigt Hosea Ratschiller seine...
19/04/2026

Subtile Rebellion in einer lauten Welt.

In seinem neunten Kabarettprogramm „Happy Place“ festigt Hosea Ratschiller seinen Ruf als Meister sanfter, aber dennoch tiefgründiger Gesellschaftskritik. Vor einem zweifellos verzauberten Publikum navigiert Ratschiller mit beruhigender Stimme und beschwingter Art durch die Absurdität des modernen Daseins und beweist, dass man nicht schreien muss, um einen starken Standpunkt zu vertreten.

Die Show ist als Suche nach einem „Happy Place“ angelegt – einem Zufluchtsort in einer hektischen, von Technologie überfluteten Welt. Ratschiller macht jedoch von Anfang an klar, dass der Weg zu diesem Ziel kein unbeschwerter Spaziergang ist. Er ist vielmehr gepflastert mit „harten Wahrheiten“ und einem notwendigen, etwas unbequemen Aufruf, „den Mist in dir loszuwerden“. Ratschiller versteht es meisterhaft, in ruhigem Ton und scharfem Witz intensive Momente gesellschaftlicher Reflexion zu schaffen, ohne dabei mit der Brechstange vorzugehen. Er setzt „mentale Schrauben“ ein, die tief in die Sprache eingebohrt sind – eine Technik, die das Publikum zum Lachen bringt, während es gleichzeitig bedeutende, manchmal düstere Erkenntnisse verarbeitet.

Das Programm hat mehrere Höhepunkte. Da ist zum einen die Perspektive des Kindes: Ratschiller gewährt einen eindringlichen Einblick in den Generationswandel und stellt fest, dass Kinder die neue Realität oft besser verstehen, als wir ihnen beibringen möchten. Seine Anekdote darüber, wie er seine Tochter im Supermarkt fragte, was sie denn am liebsten von da mitnehmen wolle und sie sich für „die Kasse“ entschied – eine Metapher dafür, dass sie lieber die Geldmaschine als nur ein Spielzeug haben wollte –, ist zugleich komisch und beunruhigend. Dann „Früher Weltfrieden, heute Milliardäre“: Mit dieser prägnanten Zusammenfassung fängt Ratschiller den Wandel der modernen Weltordnung perfekt ein. Er erinnert sich an eine Kindheit, in der der einzige „Milliardär“ Dagobert Duck war, und hebt die aktuelle Entmenschlichung einer Welt hervor, die sich wie ein Selbstbedienungsladen für die Superreichen anfühlt. Das Problem mit „Up“: In einem brillanten, metaphorischen Abschnitt hinterfragt er die menschliche Besessenheit, den Gipfel zu erreichen, und lobt stattdessen die „Mittelmäßigkeit“. Er merkt an, dass zwar alle nach dem Gipfel streben, der wirklich lohnende Ort jedoch die Zwischenstation ist, wo es im Gegensatz zum Gipfel etwas zu essen gibt (metaphorisch dargestellt durch ein „Kreuz aus Messer und Gabel“).

„Happy Place“ ist ein tiefgründiges, unterhaltsames und unverzichtbares Kabarettstück. Ratschiller verbindet persönliche Anekdoten, Klassentreffen und Beobachtungen zur KI mit tiefscharfer Gesellschaftskritik. Das Publikum kommt in den Genuss einer „leichten Schaumsuppe“ – ein Titel, der trügerisch leicht klingt, hinter dem sich jedoch eine zutiefst nährende und intellektuell anregende Show verbirgt.

Das endgültige Ziel – der „Happy Place“ – entpuppt sich als ein Ort, der alles hat, außer vielleicht Menschen, ein erschreckender Hinweis auf unser zunehmend isoliertes, digitalisiertes Dasein. Ein Muss für alle, die stillen Witz gegenüber lauter Absurdität bevorzugen.

Subtile Rebellion in einer lauten Welt. In seinem neunten Kabarettprogramm „Happy Place“ festigt Hosea Ratschiller seinen Ruf als Meister sanfter, aber dennoch tiefgründiger Gesellschaftskritik. Vor einem zweifellos verzauberten Publikum navigiert Ratschiller mit beruhigender Stimme und beschwi...

Wenn der Traum zur Zerreissprobe wird.Was passiert, wenn man sich weigert, einen Traum aufzugeben? In dieser scharfsinni...
19/04/2026

Wenn der Traum zur Zerreissprobe wird.

Was passiert, wenn man sich weigert, einen Traum aufzugeben? In dieser scharfsinnigen Komödie beschließen drei ehemalige Schauspielerinnen, die sich eine Wohnung teilen, dass 50 nicht das Ende des Weges ist – sondern die Startlinie für ihren großen Durchbruch.

Die Prämisse ist brillant: Eine der Mitbewohnerinnen hat „die beste Komödie der Welt“ geschrieben, ein Stück, das verspricht, sie aus ihrem seelenzerstörenden Job als Trauerrednerin zu befreien und zurück auf die Bühne zu bringen, wo sie und ihre Freundinnen hingehört. Doch der Weg ins Rampenlicht ist nie geradlinig. Während sie das Stück planen, werden alte Wunden wieder aufgerissen, und der Traum vom Ruhm droht ihre langjährige Freundschaft zu zerstören.

Das Stück zeichnet sich dadurch aus, wie es das empfindliche Gleichgewicht zwischen der Unterstützung einer Freundin und der Verfolgung des eigenen Egos auslotet. Die von Benjamin Blaikner verfasste Handlung versteht ganz offensichtlich die Verzweiflung und den Humor, die damit einhergehen, wenn man in der Lebensmitte versucht, in einer von Jugendlichkeit besessenen Branche Fuß zu fassen. Die Spannung zwischen den Figuren schafft eine perfekte Mischung aus Komödie und echtem Herzschmerz, während jede Frau erkennt, dass die größten Hindernisse auf ihrem Weg oft ihr eigener Ehrgeiz sind – und ihre Freundinnen.

Hinter Caroline, Susanne und Elisabeth verbergen sich die Schauspielerinnen Caroline Richards, Susanne Lipinski und Elisabeth Breckner, die die oft komplizierten und temporeichen Dialoge mit einer unvergleichlichen Meisterschaft vermitteln, die ihresgleichen sucht. Benjamin Blaikner, der auch Regie führt, hat diese intelligente Beziehungskomödie mit dem Titel „Aufhören“ den dreien auf den Leib geschrieben.

Es sind tausende von Höhen und Tiefen, große und kleine, die auf subtile Weise Einzug in die genialen Dialoge halten. Das Publikum wird keine Sekunde aus der Spannung entlassen, wenn die drei gemeinsam und einzeln entscheiden, diese Erfahrungen zu meistern und ihre Beziehung neu zu definieren. Es ist ein zärtlicher, chaotischer und letztlich bewegender Blick auf Freundschaft und die Weigerung, in Vergessenheit zu geraten. Ein Muss für jede und jeden, der jemals trotz aller Widrigkeiten an einem Traum oder einer Freundschaft festgehalten hat.
(lf)

Mehr Bilder:
https://www.flickr.com/photos/kunstbox/albums/72177720333177339

Chansons zwischen Poesie, Politik und TheaterWer Georg Clementi und Ossy Pardeller als Clempanei auf der Bühne erlebt, b...
12/04/2026

Chansons zwischen Poesie, Politik und Theater

Wer Georg Clementi und Ossy Pardeller als Clempanei auf der Bühne erlebt, betritt eine Welt, in der Chanson, Theater und literarische Eleganz zu einem einzigartigen musikalischen Menü verschmelzen. Ihr aktuelles Programm ist kein musikalisches Alltagsgericht, sondern ein mehrgängiges Festmahl für Ohren und Sinne – serviert mit den feinsten Zutaten: Clementis preisgekrönte, poetisch-politische Texte, Pardellers virtuose, klangreiche Gitarrenarrangements und einer Prise theatralischem Witz, der mal zart, mal beißend daherkommt, eine Poesie, die keine Grenzen kennt.

Clementis Texte sind wie ein Spaziergang durch Europas Sprachen und Landschaften: Sie wechseln mühelos zwischen Hochdeutsch, Italienisch und Südtiroler Dialekt, erzählen von Liebesgeschichten, die trotz Ironie unter die Haut gehen, und packen politische Themen in Bilder, die nachhallen. Ob in „Hass macht hässlich“ oder im „Lied eines Soldaten“ – hier wird nichts platt serviert, sondern mit der Eleganz eines Dichters, der selbst aus der Härte des Lebens noch Poesie destilliert. Besonders berührend: „Nicht ohne Dich“, ein Lied, das wie ein Seufzer zwischen den Lebenswelten schwebt. Mit dem Titelsong der neuen CD „Leben muasch“ macht Clementi den emotionalen Sack endgültig zu und „Mach dir keine Sorgen“ wird als zweite Zugabe zur tröstlichen Lebensweisheit, vorgetragen mit einem Augenzwinkern, das jede Sentimentalität vermeidet.

Pardellers Gitarre dazu ist kein Begleitinstrument, sondern ein ganzer Kosmos. Mal klingt sie nach den weiten Landschaften von Element of Crime, mal nach der dramatischen Tiefe von Reinhard Mey, dann wieder nach dem Chanson-Esprit von Jacques Brel – neu interpretiert und ins Jetzt übertragen, wie etwa bei den seltenen, aber umso eindrucksvolleren Covers. Die Clempanei braucht keine aufwendige Bühnenshow: Mit zwei Stimmen, einer Gitarre und einer Portion schauspielerischer Präsenz erschaffen sie ganze Welten.

Dass hier auch die Handschrift des Theatermachers im Spiel ist, merkt man sofort. Clementi inszeniert die Lieder mit dramatischem Gespür – mal als persönliches Duett, mal als humorvolle Szene, die das Publikum zum Lachen und Nachdenken bringt. Und wenn Ossy allein auf der Bühne bleibt, weil Georg ins Publikum singen geht, kennt die Intimität, die fast alle Songs ausmacht, keine Grenzen mehr. Die Clempanei kocht, wie man in Südtirol sagt, mit „lei guats Zeug drin“. Ihre Musik ist anspruchsvoll, ohne elitär zu wirken, unterhaltsam, ohne oberflächlich zu sein. Sie schlagen eine Brücke vom Gardasee über Bozen und die Dolomiten bis nach Wien und wer weiß wo überall auch noch – und nehmen ihr Publikum mit auf eine Reise, die nach mehr schmecken lässt.

Wer die Clempanei hört, versteht, warum Chanson mehr ist als nur Musik. Es ist Literatur, Theater und Lebensgefühl in einem – serviert von zwei Künstlern, die ihr Handwerk lieben und es mit Leidenschaft und Esprit zelebrieren. Ein Konzert, das man niemals verpassen sollte und ein Muss für Chanson-Liebhaber und alle, die Musik mit Tiefgang und Charme schätzen.
(lf)

Chansons zwischen Poesie, Politik und Theater. Wer Georg Clementi und Ossy Pardeller als Clempanei auf der Bühne erlebt, betritt eine Welt, in der Chanson, Theater und literarische Eleganz zu einem einzigartigen musikalischen Menü verschmelzen. Ihr aktuelles Programm ist kein musikalisches Alltags...

Marina & the Kats verwandeln das Emailwerk in einen Elektro-Swing-BallroomMit ihrem bestechenden Konzert+Tanz-Konzept un...
08/03/2026

Marina & the Kats verwandeln das Emailwerk in einen Elektro-Swing-Ballroom

Mit ihrem bestechenden Konzert+Tanz-Konzept und dem aktuellen Album „Pretty Bananas“ im Gepäck verwandelten Marina & the Kats das Emailwerk Seekirchen am Samstagabend in einen pulsierenden Elektro-Swing-Ballroom. Die frisch für den Amadeus nominierte Formation bewies in einer gut zweistündigen Show eindrucksvoll, wie virtuos sich tanzbarer Retro-Charme mit modernem Indie-Drive und inhaltlichem Tiefgang verbinden lässt. Ein herausragender Konzertabend, der die Live-Qualitäten der „kleinsten Big Band der Welt“ musikalisch und atmosphärisch perfekt auf den Punkt brachte.

Zentrales Element des Bühnensetups und musikalisches Markenzeichen der Band sind die sogenannten „Shared Drums“. Mit Sängerin Marina Zettl an den Drums und Thomas Mauerhofer an der Gitarre (die beide - nach 20jähriger Liebesbeziehung - nun Mauerhofer-Zettl heissen), Hari Baumgartner am Schlagzeug und Peter Schönbauer an Bass und Bassdrum teilen sich drei der vier Mitglieder aktiv perkussive Aufgaben. Dieses Konzept erzeugt einen treibenden, eigenständigen Rhythmus, der es für die Konzertbesucher:innen im Emailwerk schlichtweg unmöglich war, stillzustehen. Musikalisch bewegt sich das Quartett dabei souverän zwischen klassischem Gypsy-Swing der 1930er-Jahre und modernen Indierock-Einflüssen, wodurch ein Sound entsteht, der historische Zitate mit zeitgemäßem Drive verbindet.

Der Fokus des Abends lag auf dem neuen Album „Pretty Bananas“. Der darauf präsentierte Indie-Swing vereint Retro-Vibes mit gut durchdachten Soul-Elementen. Marina Zettl demonstrierte dabei ihre stimmliche Wandlungsfähigkeit, die den Songs eine prägnante Kontur verleiht. Die Setlist bot musikalische Abwechslung: Neben zurückgenommenen Stücken wie „Too Sad To Cry“ oder dem an den britischen Soul einer Amy Winehouse erinnernden „It Doesn’t Bother Me“, sorgten vor allem vorwärtsgewandte Nummern wie „My Big Spender“ und das gitarrenlastige „Fools“ für eine hohe dynamische Spannweite. Auch pop-affinere Tracks wie „She’ll Be Back“ oder „On And On“ fügten sich stimmig in das Gesamtbild ein.

Trotz der stark tanzbaren Ausrichtung vernachlässigt die „Working Band“, die ihre Musik komplett eigenständig schreibt und produziert, den inhaltlichen Tiefgang nicht. Zwischen den energetischen Beats fanden sich textliche Reflexionen über Erfolgsdruck, das Älterwerden und gesellschaftliche Erwartungen. Diese inhaltliche Ambivalenz aus kritischer Beobachtung und musikalischem Optimismus verleiht der Gruppe ihre Authentizität und hebt sie vom reinen Party-Swing ab.

Nach zwei Stunden verabschiedete das Publikum im Emailwerk die Band mit wohlverdientem, langanhaltendem Applaus. Marina & the Kats überzeugten an diesem Abend durch technische Präzision, clevere Arrangements und eine spürbare Spielfreude, die glatt vergessen ließ, dass lediglich vier Musiker auf der Bühne standen. Das Konzert (oder war es ein Tanzabend?) war ein gelungener Beweis dafür, wie lebendig und mitreißend moderner Swing umgesetzt werden kann.
(lf)

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Marina & the Kats verwandeln das Emailwerk in einen Elektro-Swing-Ballroom. Mit ihrem bestechenden Konzert+Tanz-Konzept und dem aktuellen Album „Pretty Bananas“ im Gepäck verwandelten Marina & the Kats das Emailwerk Seekirchen am Samstagabend in einen pulsierenden Elektro-Swing-Ballroom...

Ein Abend mit der Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb - eine Nachbetrachtung.Es war einer dieser Abende im Emailwerk Seekir...
01/03/2026

Ein Abend mit der Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb - eine Nachbetrachtung.
Es war einer dieser Abende im Emailwerk Seekirchen teilhaben, an denen die Luft förmlich knistert. Das Kulturhaus war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Erwartung im Raum war greifbar, als Helga Kromp-Kolb die Bühne betrat. Auf Einladung eines starken regionalen Netzwerks war die Ikone der österreichischen Klimaforschung gekommen, um über weit mehr als nur Daten und Fakten zu sprechen - nämlich wie das scheinbar Unmögliche plötzlich zum politisch Unvermeidlichen wird...

LOVELECTRIC durfte an einem dieser Abende im Emailwerk Seekirchen teilhaben, an denen die Luft förmlich knistert. Das Kulturhaus war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Erwartung im Raum war greifbar, als Helga Kromp-Kolb die Bühne betrat. Auf Einladung eines starken regionalen Netzwerks wa...

28/02/2026
Warum die Mobilität das größte Klimaproblem der Kulturszene istDie Transformation unserer Kulturlandschaft hin zur echte...
28/02/2026

Warum die Mobilität das größte Klimaproblem der Kulturszene ist

Die Transformation unserer Kulturlandschaft hin zur echten Nachhaltigkeit entscheidet sich nicht am Mehrwegbecher, sondern am Mobilitätskonzept. Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. In der Theorie schwanken die Zahlen, aber in der Praxis zeigt sich ein klares Bild: Die An- und Abreise des Publikums macht oft bis zu 70 % der gesamten CO₂-Emissionen einer Veranstaltung aus. Für Kulturveranstalter bedeutet das: Sie sind nicht nur ein Ort der Kunst, sondern müssen auch zu Moderatoren einer neuen Mobilitätskultur werden. Die "unsichtbare Hauptbühne" braucht mehr Sichtbarkeit, um Lösungen zu finden, die den Weg zur Kultur so schön und nachhaltig machen wie die Kunst selbst....

Dieses Thema können Sie im Detail als Podcast nachhören:
https://cba.media/759375

oder nachlesen im Lovelectric-Blog:
https://www.lovelectric.at/2026/02/15/warum-die-anreise-das-größte-klimaproblem-unserer-kulturhäuser-ist/

Stellen Sie sich vor: Die Scheinwerfer strahlen mit modernster LED-Technik. Das Bier wird im Mehrwegbecher ausgeschenkt, und das Catering ist komplett regional und bio. Ein perfektes grünes Event, oder? Aber während wir im Kulturzentrum selbst die ökologische Wende feiern, spielt sich das wahre K...

Der Dichter als charmanter SchwindlerWas ist das eigentlich, das Wienerlied? Eine Musikrichtung? Ja, irgendwie, aber irg...
24/01/2026

Der Dichter als charmanter Schwindler

Was ist das eigentlich, das Wienerlied? Eine Musikrichtung? Ja, irgendwie, aber irgendwie auch nicht. Eher ist es die vertonte Seele Wiens, würde ich es einordnen wollen. Will ich aber gar nicht. Lieber möchte ich über Martin Spengler sprechen, den ich gerade bei einem Konzert im Emailwerk Seekirchen erleben durfte (seinem vierten an diesem Ort) mit dem 15-Jahre-Jubiläumsprogramm "Ois vü leichta".

Was ich mitgenommen habe: Martin Spengler ist ein Dichter, dem es gelingt, Gefühle, die keine Sprache kennen, in Geschichten zu verwandeln. Irgendwo habe ich einmal gelesen "Jeder große Song beginnt mit einem Gefühl", ja, das ist es auch, was Martin Spengler auszeichnet. Er schert sich nicht um Stilrichtungen, was übrigens ganz im Sinne des Wienerlieds ist, das Mitte des 19. Jahrhunderts als einzigartige Mischung aus ländlicher Volksmusik und städtischen Einflüssen aus den Kronländern der Monarchie entstanden ist. Mit genau diesem Konzept geht Spengler auch an seine Songs heran, zugegeben, die Kronländer hat er erweitert, um Kuba und andere exotische Länder, dennoch bleibt sein Werk dem Wienerlied im tiefsten Sinn verpflichtet.

Die Songs selbst kommen daher wie Feuer und Wasser, mal rhythmisch groovend, mal zerbrechlich zart, aber immer erzählend, die Musik trägt die wortreichen Geschichten wie auf klingenden Wolken, die Texte geprägt von den großen Gefühlen der Menschheit. Dass er selbst aus der Mitte Österreichs kommt, aus Linz, seine Musiker Manuel Brunner (Kontrabass) aus Windischgarsten, Roland Guggenbichler (Harmonika) aus Braunau, mindert das Wienerlied-Gefühl kein bisschen. Die einzige Panne - wie Spengler es bezeichnet - ist die großartige Überstimme von Bibiane Zimba aus Ottakring, was den Bandnamen "Martin Spengler und die foischen Wiener·innen" nun als charmante Lüge entlarvt, nein, eher eine kleine wienerische Schwindelei, die man gerne mitnimmt. Die musikalischen Leistungen der vier Musiker:innen waren von herzzerreißend bis atemberaubend, ein Konzertabend, die niemanden kalt gelassen hat, obwohl das Wetter danach gewesen wäre….

(lf)

Fusion von Puls und Poesie: Xmas-Moves im Emailwerk reissen das Publikum mitWas passiert, wenn Weihnachtszauber auf urba...
22/12/2025

Fusion von Puls und Poesie: Xmas-Moves im Emailwerk reissen das Publikum mit

Was passiert, wenn Weihnachtszauber auf urbane Energie trifft? Die Antwort lieferte eine großartige Show im Emailwerk Seekirchen am 20. Dezember, ein elektrisierendes Gemeinschaftserlebnis, das den Puls der Straße direkt ins Herz des Festes trug.

Schon der Beginn war pure, unverfälschte Lebensfreude. Die jungen Schülerinnen und Schüler der Breakdance-Workshops, die Augen funkeln vor Aufregung und Stolz, entfachten das Feuer. Jeder Freeze, jeder akrobatische Powermove wurde mit begeistertem Applaus belohnt. Man spürte: Hier wachsen nicht nur Tänzer:innen, sondern eine neue Generation, für die Bewegung Ausdruck purer Freude ist.

Doch dann schlug die Stunde der Tiefe. Pia Grohmanns Tanztheaterproduktion „Into the ZONE“ war der unbestrittene emotionale Höhepunkt des Abends. Dies war mehr als Tanz; es war erzählte Menschlichkeit in Bewegung. Die fünf Tänzer*innen - Valentina Neumaier, Flavio Vitelli, Anna Forstner, Matteo Nascu und Aliza Galili - webten mit ihren Körpern Geschichten aus Spannung, Sehnsucht und Verbindung. Jede Geste, jedes Innehalten war gesättigt mit Bedeutung. Die Choreografie balancierte meisterhaft zwischen zerbrechlicher Intimität und kraftvollen gemeinsamen Synergien – eine atemberaubende Demonstration, dass Tanztheater unter die Haut gehen kann.

Den perfekten Übergang zur zweiten Hälfte bildeten mit anspruchsvollerer Ästhetik die eleganten und präzisen Linien der „House of Dance“-Tänzerinnen Caroline Klösch, Sophia Nowy & Angelina Reichholf. Darauf folgten die „Breaking Sparks“, quasi die dienstälteste Gruppe im Ausbildungsprogramm des Streetdance Center Seekirchen im Emailwerk. Eine weihnachtliche Reise in die Welt des Hip-Hop & Breaking mit coolen Grooves, akrobatischen Moves und schönen Geschichten.

Den finalen energetischen Knall lieferte die „Unprogrammed Style Collective Crew“. Die Profiliga mit Jonas Winkler, Pia Grohmann, Tobias Kessel und FraGue Moser (der übrigens auch eine geniale Moderation ablieferte) entwickelten live ein humorvolles Miteinander - gemeint ist ChatGPT und Tänzer:innen - in dem sie mittels KI die richtigen Rezepte für eine Show suchten. Mit Pia Grohmann nun selbst als treibende Kraft auf der Bühne, entfesselte die Crew ein atemloses Feuerwerk an Styles, Rhythmus und lässiger Präzision. Jeder Tänzerin brachte eine eigene Farbe ein, doch zusammengesetzt ergab es ein explosives, harmonisches Ganzes – der pure, ungefilterte Hip-Hop-Spirit, der den Saal zum Kochen brachte.

Fazit: Dieser Abend war die perfekte Fusion. Er zeigte die aufkeimende Begeisterung der Jugend, die erzählerische Kraft des zeitgenössischen Tanzes und die rohe Energie der Streetkultur – alles eingebettet in einen warmen, weihnachtlichen Gemeinschaftsrahmen. Das Emailwerk bewies erneut, dass es ein vitaler Kulturpuls auch in der Jugendkultur ist. Wer diese mitreißende Reise von den ersten Schritten bis zur professionellen Bühne verpasst hat, hat nicht nur eine Show, sondern ein echtes Gefühl versäumt. Chapeau an alle Beteiligten, allen voran Pia Grohmann – mehr davon!

(lf)

https://www.flickr.com/photos/kunstbox/albums/72177720331054553

Ein System, das nicht fälltMit ihrer Inszenierung von Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, die am 22....
24/11/2025

Ein System, das nicht fällt

Mit ihrer Inszenierung von Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, die am 22. November im Emailwerk zur Aufführung kam, legt Cassandra Rühmling eine ausgesprochen klare und zeitpolitisch aktuelle Interpretation des Stücks vor. In einer Zeit globaler Krisen und sozialer Verwüstung klingt Brechts Kapitalismuskritik besonders gegenwärtig.

Rühmling verlegt den Handlungsfokus hin zu einer Gegenwart, die sehr unbehaglich, weil sehr vertraut wirkt: der Schlachthof, ein funktionaler, industriell anmutender Raum als Epizentrum des schlechten Gewissens. Kaltes Licht, reduzierte Requisiten und Protagonisten, die in ihrer schlaffen Einheitskleidung vor allem eines zum Ausdruck bringen: ihre Hilflosigkeit im System.

In der Titelrolle zeigt Rühmling selbst eine eindringliche, vielschichtige Interpretation der Johanna Dark. Ihr Spiel vermeidet bewusst die Falle des naiven Gutmenschentums: Diese Johanna ist getrieben von moralischem Ernst, aber sichtbar verunsichert. Die leisen Töne dominieren, was die seltenen emotionalen Ausbrüche umso wirkungsvoller macht. Genau darauf abgestimmt ist auch die tonale Begleitung durch Robert Kainar. Besonders stark ist jene Szene, in der Johanna erkennt, dass ihr idealistisches Engagement im Angesicht kapitalistischer Härten auf unfruchtbaren Boden fällt – ein Moment der Ernüchterung für Johanna Dark und das Publikum.

Dem gegenüber steht Mauler (Henry Arnold), der Fleischmagnat – in dieser Inszenierung keine Karikatur, sondern eiskalter Taschenrechner im System der Global Player. Der Schauspieler verleiht der Figur eine beunruhigende Mischung aus Eloquenz und moralischer Leere. Seine Beteuerungen, er wäre dem Töten nicht mehr gewachsen, gleichen einer politischen Sonntagsrede. Die Dialoge zwischen Mauler und Johanna werden so zu Kollisionen zweier Weltbilder, und gerade dadurch, dass sich beide aufeinander einlassen, entsteht das grausame Bild der Hoffnungslosigkeit und der Unveränderbarkeit.

Das Ensemble trägt die Aufführung mit beeindruckender Geschlossenheit. Die choreografisch gefassten Gruppenbewegungen der Arbeiterinnen und Arbeiter schaffen starke visuelle Spannungen: mal zögernd und wenig erkennbar, mal in mechanischer Präzision. Bilder eines Kollektivs, das sich zwischen Abhängigkeit und Revolte, Hoffnung und Resignation bewegt. Diese Körperlichkeit ergänzt Brechts theoretische Ausführungen um eine sinnlich erfahrbare Ebene.

Im Finale entfaltet die Inszenierung ihre größte Wirkung. Rühmling verzichtet auf Pathos und erlaubt der hoffnungslosen Logik des Stücks, sich ungehindert zu entfalten: Johanna scheitert – politisch, spirituell, persönlich. Sie ist weder Heldin noch Märtyrerin. Das System besteht, ja, es verschärft sich weiter. Es nährt sich von der Angst der Massen, die sich der scheinbaren wirtschaftlichen Sicherheit unterordnen. Es geht nicht um Leben, sondern ums Überleben. Diese nüchterne, fast sterile Schlusswirkung hinterlässt ein beklemmendes Gefühl im Publikum, das sich mit tosendem Applaus von eben dieser Umklammerung löst.

Cassandra Rühmlings „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ ist ein konzentrierter Theaterabend. Kein einfacher Sieg des Guten, kein pathetisches Happy End, sondern die bittere Einsicht, dass moralischer Idealismus allein oft nicht ausreicht – eine Inszenierung, die mehr fragt, als antwortet und gerade dadurch im Gedächtnis bleibt.

(mw)

https://www.flickr.com/photos/kunstbox/albums/72177720330537294/

Adresse

Anton-Windhager-Strasse 7
Seekirchen
5201

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