21/05/2026
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Karl Dedecius: Der Übersetzer als Brückenbauer
Heute erinnern wir an den 105. Geburtstag von Karl Dedecius. Er galt als bedeutendster Übersetzer und Vermittler polnischer Literatur in Deutschland sowie als Gründer des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt und des großen editorischen Projekts „Polnische Bibliothek“. Wie kaum ein anderer prägte er nach dem Zweiten Weltkrieg den deutsch-polnischen kulturellen Dialog und machte Generationen deutscher Leserinnen und Leser mit der Literatur, Geschichte und geistigen Welt Polens vertraut. Er übersetzte Werke von Zbigniew Herbert, Wisława Szymborska, Czesław Miłosz, Tadeusz Różewicz und vielen anderen.
Karl Dedecius wurde 1921 in Łódź geboren – einer Stadt, die damals von kultureller Vielfalt, Mehrsprachigkeit und dem Zusammenleben unterschiedlicher Gemeinschaften geprägt war. Als Sohn deutscher Eltern wuchs er in einem polnischen Umfeld auf, sprach Deutsch und Polnisch selbstverständlich nebeneinander und besuchte ein polnisches Gymnasium. Früh lernte er, zwischen verschiedenen kulturellen Perspektiven zu leben. Diese Erfahrung wurde zum Fundament seines späteren Wirkens.
Der Zweite Weltkrieg bedeutete für ihn einen tiefen Einschnitt. Dedecius wurde zur Wehrmacht eingezogen, kämpfte in Stalingrad, wurde schwer verwundet und verbrachte viele Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Gerade die Erfahrung von Krieg, Gewalt und ideologischer Zerstörung machte kulturelle Verständigung für ihn zu einer existenziellen Aufgabe.
Nach seiner Rückkehr lebte Dedecius zunächst in Weimar und später in Westdeutschland. Er arbeitete bei einer Versicherung und übersetzte polnische Literatur zunächst nebenberuflich. Was als persönliche Leidenschaft begann, entwickelte sich bald zu einer kulturellen Aufgabe von historischer Bedeutung. In einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland im Schatten von Krieg, Gewalt und tiefem Misstrauen standen, machte Karl Dedecius die Stimmen polnischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Deutschland bekannt.
Für Generationen deutscher Leserinnen und Leser wurde er zur wichtigsten Stimme der polnischen Literatur. Seine Übersetzungen waren weit mehr als sprachliche Übertragungen – sie waren Einladungen zum Verstehen. Dedecius war überzeugt, dass Literatur Menschen näherbringen kann, gerade dort, wo Politik und Geschichte tiefe Gräben hinterlassen haben.
1980 gründete er das Deutsche Polen-Institut in Darmstadt und schuf damit einen dauerhaften Ort des deutsch-polnischen Dialogs. Gleichzeitig arbeitete er unermüdlich an seinem großen editorischen Projekt weiter: der „Polnischen Bibliothek“, die zentrale Werke der polnischen Literatur im deutschen Sprachraum zugänglich machte. Sein Ziel war es stets, die Vielfalt der polnischen Kultur sichtbar zu machen und stereotype Bilder zu überwinden.
Karl Dedecius erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie hohe polnische und deutsche Ehrungen. Seine vielleicht größte Leistung bestand jedoch darin, nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts neues Vertrauen zwischen Menschen geschaffen zu haben. Er verstand Übersetzung nicht nur als sprachliche Arbeit, sondern als kulturelle Verantwortung.
Heute erinnern wir uns an Karl Dedecius als Humanisten, Europäer und Brückenbauer. Sein Werk zeigt, wie wichtig kultureller Austausch für eine offene Gesellschaft ist. Es erinnert daran, dass Verständigung nicht abstrakt entsteht, sondern durch Sprache, Literatur und die Bereitschaft, dem Anderen zuzuhören.